Rüthener Seilerei und Handwerkerdorf

                                  Handwerkerdorf und Seilerei

Im Historischen Handwerkerdorf wird dir die Geschichte alter, ortstypischer Berufe (Steinhauer, Schmiede) präsentiert. Das benachbarte Gebäude einer ehem. Seilerei (1914) dokumentiert die Bedeutung eines früher unverzichtbaren Gewerbes.

Als Baustoff prägte der bei Rüthen abgebaute Grünsandstein die örtliche Architektur- und Kunstgeschichte maßgeblich. Auch über den Soester Raum hinaus hat sich der Stein mit der charakteristischen grünlichen Färbung einen Namen gemacht. Zum Beispiel wurde er 1648 für den Bau des früheren Amsterdamer Rathauses verwendet. Um der Bedeutung von Abbau und Verarbeitung in der Region Rechnung zu tragen, eröffnete der Förderverein Heimatpflege und traditionelles Brauchtum Rüthen e.V. im November vergangenen Jahres ein historisches Handwerkerdorf. In 14 Monaten ist mit Unterstützung der NRW-Stiftung ein Projekt entstanden, das eine Übersicht über die Geschichte des regionalen Handwerks liefert. So informiert die Dauerausstellung über geologische Strukturen, bergbaurechtliche Schürfregelungen, die Entwicklung der Abbautechniken und Verarbeitungsformen des Steins im Laufe der Geschichte.
 

Parallel zur Ausstellung werden Vorführungen alter Handwerkstechniken geboten.

Zu der Anlage gehört unter anderem eine rekonstruierte Kettenschmiede und eine originalgetreu wieder aufgebaute Steinmetz-Werkstatt. Eingerahmt wird das Gelände des Handwerkerdorfes von einer denkmalgeschützten Seilerei im Osten und dem mittelalterlichen Hexenturm im Westen, dessen denkmalgerechte Sanierung ebenfalls von der NRW-Stiftung gefördert wurde. Das Handwerkerdorf soll künftig durch Wander- und Radwege mit dem Grünsandstein-Museum in Soest, einem weiteren Projekt der NRW-Stiftung, verbunden werden.

Historisches (Seilerei)

Das Handwerk der Seilerei (reepschleger oder reepdreger)gehörte schon vor vielen Jahrhunderten zu den zahlreichen außerzünftigen Berufen.
 
 In den städtischen Berufs- und Gewerbestatistiken des 19. Jh. wird das Seilerhandwerk in Rüthen für 1848 mit 6 Betrieben, 1885 mit 3 und 1900 mit 2 Betrieben dokumentiert. Einer dieser alteingesessenen Werkstätte war die Seilspinnerei Hartmann, die schon Anfang des 19. Jh. von Franziskus Hartmann betrieben wurde. Mit dem Tod seines Enkels Josef Hartmann 1937 starb das Seilereigewerbe in Rüthen endgültig aus.
 
 Das aus Ziegelstein gefertigte, überdachte und mit 25 Fenstern ausgestattete massive Seilbahn-Gebäude wurde 1914 auf einer Länge von 60 m errichtet und stellt heute in seinem ursprünglichen Erscheinungsbild auch überregional ein sehr selten  gewordenes gewerbliches Baudenkmal dar.
 
 Hergestellt wurden in dieser Seilerei vor allem Produkte nach Bedarf und Bestellung der Landwirtschaft, so z.B. Garbenbänder, Viehhalfter, Pferde- und Pflugleinen, Bandstricke für Heu- und Getreidefuhren, Zugseile unterschiedlicher Längen und Stärken etc., aber auch zeitweise Schiffstaue, Fischernetze, Glockenseile und immer eine Großzahl von Bindfäden und Wäscheleinen für den allgemeinen Hausgebrauch. Angefertigt wurden alle Seilereiprodukte aus Hanf, der zum größten Teil in Ballenform aus Russland geliefert wurden.

Bevor allerdings die Seile, Stricke und Leinen ihre gewünschte Form in Länge und Durchmesser erhielten, mussten aus dem Rohhanf nach den Verarbeitungsstufen Hecheln und Kämmen erst lange Fäden gesponnen werden. Im weiteren Fertigungsprozess wurden dann die einzelnen Fäden zu Schnüren gedreht (zwirnen), die je nach Bedarf anschließend in mehrzahligen Fadenbahnen  durch weitere genau abgestimmte Drehvorgänge mittels Seilgeschirr und –wagen zum gewünschten Endprodukt gestaltet wurden. So entstand aus den Hanffäden eine Schnur, aus den Schnüren ein Strick, aus den Stricken  schließlich ein entsprechend starkes Seil: Arbeitsvorgänge, die in der Zeit vor der Elektrifizierung viel körperliche Kraft und spezielles Geschick verlangten